Amerikanische National Bureau of Economic Research (NBER) hat festgestellt, dass die Stabilisierung des Schulden-zu-BIP-Verhältnisses allein durch ein zusätzliches jährliches Wachstum der Gesamtfaktorproduktivität (TFP) um 0,5 % erreicht werden kann. Wenn das Produktivitätswachstum zehn Jahre anhält, reduziert sich die prognostizierte Schuldenhöhe um 2 Billionen US-Dollar. Laut Analysen des KI-Unternehmens Anthropic könnte KI-gestützte Unterstützung die TFP um etwa 1,1 Prozentpunkte steigern – das Doppelte dessen, was für die Haushaltsstabilität notwendig ist.

Die Schwere der US-Finanzkrise ist offensichtlich. Das Schulden-zu-BIP-Verhältnis steigt weiterhin, Zinsausgaben nehmen einen immer größeren Anteil am Haushalt ein. Doch die NBER-Studie bietet eine scheinbar einfache Lösung: durch Steigerung der Gesamtfaktorproduktivität (TFP) die Haushaltslage stabilisieren. TFP spiegelt wider, ob eine Volkswirtschaft bei konstantem Kapital- und Arbeitseinsatz durch technologische Fortschritte und Effizienzsteigerungen mehr Produktionskapazität schafft.
Obwohl 0,5 % scheinbar gering erscheinen, sind die Auswirkungen tiefgreifend. Nach Schätzungen des NBER würde eine zehnjährige Kontinuität dieses Produktivitätsanstiegs die grundlegende Prognose für die US-Schulden um etwa 2 Billionen US-Dollar senken. Über 30 Jahre betrachtet, würde das Schulden-zu-BIP-Verhältnis um 42 Prozentpunkte unter die Baseline fallen, sogar 80 Prozentpunkte unter pessimistischen Szenarien. Die Logik ist einfach: Wenn die Produktionseffizienz steigt, kann derselbe Steuersatz mehr Steuereinnahmen generieren, wodurch das Verhältnis von Schulden zu BIP automatisch sinkt.
Der Nobelpreisträger Paul Krugman hat betont, dass die Fähigkeit eines Landes, seinen Lebensstandard im Laufe der Zeit zu erhöhen, nahezu vollständig von seiner Fähigkeit abhängt, den Pro-Kopf-Ausstoß zu steigern. Technologischer Fortschritt ist das zentrale Element dieses Prozesses. Die Bedeutung der TFP ist nicht nur theoretisch, sondern auch direkt mit der langfristigen Nachhaltigkeit der US-Finanzen verbunden. Die Frage ist: Woher soll das zusätzliche Wachstum von 0,5 % kommen? Historisch gesehen ging solche Produktivitätssteigerung meist mit bedeutenden technologischen Revolutionen einher – von Elektrizität, Computern bis Internet, jede hat die Wirtschaftsweise grundlegend verändert.
Das KI-Unternehmen Anthropic liefert eine erstaunliche Antwort auf dieses Problem. Sie analysierten rund 100.000 tatsächliche Dialoge mit Claude.ai, um abzuschätzen, wieviel Zeit durch KI-Unterstützung im Vergleich zu ohne eingespart werden kann. Das Ergebnis: KI-gestützte Assistenz könnte die TFP um etwa 1,1 Prozentpunkte erhöhen – mehr als doppelt so viel wie die 0,5 %, die für die Haushaltsstabilität notwendig sind.
Diese Zahl ist von enormer Tragweite. Wenn eine Steigerung der Produktivität um nur 0,5 % die Regierung jahrelang stabilisieren kann, könnte eine Erhöhung um 1,1 % potenziell zu einer revolutionären Veränderung der Wirtschaft und der öffentlichen Finanzen führen. Anthropic liefert konkrete Beispiele: Claude kann in 11 Minuten eine Kursplanung erstellen, was Lehrkräften etwa 4 Stunden Arbeitszeit spart. Wenn dieser Zeiteinsparungseffekt im gesamten Wirtschaftssystem repliziert werden könnte, wären die kumulativen Effekte beträchtlich.
Allerdings räumt Anthropic auch die Grenzen ihrer Studie ein. Ob die eingesparte Zeit tatsächlich in produktivere Tätigkeiten umgewandelt wird, ist hochunsicher. Kritiker argumentieren, dass die eingesparte Zeit möglicherweise für Unterhaltung oder Konsum genutzt wird, etwa auf Social-Media-Plattformen oder beim Lesen von Präsentationen. In diesem Fall würde KI zwar das Wohlbefinden und die Freizeit der Menschen erhöhen, aber nicht unbedingt den Gesamtwohlstand steigern – die Lösung von Schuldenproblemen der USA würde dadurch kaum erleichtert.
Zeiteinsparungseffekt: Claude spart Lehrkräften 4 Stunden, doch ob diese Zeit in produktive Arbeit umgewandelt wird, bleibt abzuwarten
Potenzial für strukturelle Veränderungen: Historische technologische Revolutionen verändern nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch die Arbeitsweise – solche Effekte sind schwer zu modellieren
Verbreitungsgeschwindigkeit: Die Annahmen basieren auf aktuellen Modellen, ohne zukünftige Verbesserungen der KI-Modelle zu berücksichtigen
Interessanterweise hält Anthropic ihre Schätzung von 1,1 % für eher konservativ. Es wurde nicht berücksichtigt, wie schnell KI sich verbreiten wird, noch die zukünftigen Fähigkeiten der Modelle, die weiteres Produktivitätswachstum ermöglichen könnten. Mit anderen Worten: Die Studie geht davon aus, dass Menschen in den nächsten zehn Jahren weiterhin auf aktuelle Weise und mit aktuellen Sprachmodellen arbeiten. Da große Sprachmodelle fast alle paar Monate bedeutende Fortschritte machen, ist 1,1 % wohl eher die „Unterschätzung“ des möglichen Produktivitätszuwachses.
Noch wichtiger ist: Die Studie misst nur den Einfluss der Beschleunigung der Erledigung bestehender Aufgaben, nicht die tiefgreifende Umgestaltung von Arbeitsprozessen und Produktionsweisen. Anthropic betont, dass historische Produktivitätssteigerungen nicht nur Tätigkeiten beschleunigten, sondern grundlegend veränderten, wie Dinge getan werden – vom Einsatz der Elektrizität bis zum Internet. Solche strukturellen Veränderungen sind schwer zu modellieren, haben aber oft den größten Einfluss.
Trotzdem bleiben die Forscher vorsichtig. Sie listen die methodischen Grenzen und Annahmen offen auf. Sie geben auch zu, dass selbst wenn KI die öffentlichen Finanzen entlasten sollte, zukünftige Gesetzgeber durch erhöhte Ausgaben die Schulden wieder ansammeln könnten. Angesichts der allgemein spürbaren akuten Finanzrisiken ist jedoch auch eine optimistische Sichtweise, bei der nur ein Teil dieser Szenarien eintritt, durchaus wertvoll. Das Potenzial von KI für die US-Finanzen könnte unsere Vorstellungen bei weitem übertreffen.