
Der CEO von JPMorgan Chase, Jamie Dimon, warnte in dem am 6. April veröffentlichten jährlichen Aktionärsbrief, dass die gesamten Verluste bei Leveraged Loans „größer ausfallen werden als erwartet“, sobald der Kreditzyklus einsetzt, und dass die aktuellen tatsächlichen Verluste bereits „über dem angemessenen Niveau“ liegen. Dimon stellte außerdem fest, dass der derzeitige Markt für Private Credit mit einem Umfang von rund 1,8 Billionen US-Dollar „möglicherweise keine systemischen Risiken darstellt“, rief jedoch dazu auf, dass der Markt zwei große strukturelle Schwachstellen ernst nehmen müsse.
Dimon geht in dem Aktionärsbrief direkt auf strukturelle Probleme im Markt für Private Credit ein, nicht nur auf zyklische Schwankungen.
Erstens: Aufweichung der Kreditgenehmigungsstandards. In den vergangenen Jahren ist die Schwelle für Kreditgenehmigungen im Markt für Private Credit allgemein gesunken, was dazu führte, dass die aktuellen tatsächlichen Verluste bereits über das hinausgehen, was ein normales Marktumfeld erwarten ließe. Mit der Vertiefung des Kreditzyklus wird dieser Trend voraussichtlich die Höhe der gesamten Verluste weiter verstärken.
Zweitens: Unzureichende Transparenz bei der Bewertung. Private Credit weist bei Kreditbewertungen und dem „Mark-to-Market“ („Mark to Market“) keine strengen Offenlegungsstandards auf, wodurch sich eine besondere Liquiditätsrisiko-Struktur ergibt: Anleger könnten Anteile bereits vor einer tatsächlichen Verschlechterung der Bonität vorzeitig zurückgeben, und gleichzeitig droht bei einem synchronen Anstieg von Zinsen und Kreditspread eine Kettenbelastung für Kreditnehmer, die dann gezwungen wären, sich zu höheren Kosten refinanzieren zu müssen.
In der Ergebnis-Telefonkonferenz im Oktober 2025 hatte Dimon nach einem Verlust von 170 Millionen US-Dollar bei dem Subprime-Autokredit-Unternehmen Tricolor darauf hingewiesen: „Wenn man eine Kakerlake sieht, gibt es wahrscheinlich noch mehr.“ In dem Kontext des Markts für Private Credit hat diese Formulierung heute einen noch stärkeren Warn-Charakter.
Dymons Warnung wurde bereits durch Marktdaten untermauert. Im ersten Quartal 2026 erhielten zwei Dachfonds bzw. Flaggschiff-Fonds von Blue Owl Capital insgesamt rund 5,4 Milliarden US-Dollar an Rücknahmeersuchen; damit wurde die 5%-Rücknahmeobergrenze überschritten, sodass Auszahlungen eingeschränkt werden mussten.
Blue Owl Technology Income Corp: Rücknahmeersuchen erreichten 40,7% des Nettoinventarwerts und lagen damit weit über der Rücknahmeobergrenze
Blue Owl Credit Income Corp (Größe rund 5.4B US-Dollar): Rücknahmequote bei 21,9%
Weitere Institutionen mit zeitgleich umgesetzten Auszahlungsbeschränkungen: Blackstone, Morgan Stanley, HPS (Tochtergesellschaft von BlackRock), Ares Management, Apollo Global, KKR
Im ersten Quartal 2026 versuchten Anleger, insgesamt rund 19 Milliarden US-Dollar aus Direktkreditfonds zu entnehmen, was zeigt, dass der branchenweite Rücknahmedruck inzwischen ein systemisches Niveau erreicht hat, bei dem koordinierte Beschränkungen von mehreren Seiten gleichzeitig notwendig sind.
Trotz der wiederholten Warnungen hält Dimon in dem Aktionärsbrief eine vorsichtig optimistische Einschätzung der systemischen Risiken aufrecht und weist darauf hin, dass der Private-Credit-Markt mit einem Umfang von rund 1,8 Billionen US-Dollar „möglicherweise keine systemischen Risiken darstellt“; diese Position deckt sich mit der öffentlichen Bewertung des US-Notenbankchefs Jerome Powell.
Gleichzeitig kündigt der Aktionärsbrief jedoch auch an, dass Aufsichtsbehörden für Versicherungen die Rating- und Bewertungsstandards letztlich verschärfen werden, wodurch der Kapitaldruck bei den entsprechenden Ziel-Fonds voraussichtlich steigt. Die fast doppelt so große Spanne zwischen der Ausfallquote bei Private Credit (9,2%) und dem Syndicated-Loan-Markt (4,5%) zeigt, dass die Risiken in diesem Markt und die Transparenzprobleme noch nicht vollständig in den vorhandenen Bewertungen abgebildet sind – und legt damit potenzielle Risiken für ein mögliches Abschwungsszenario offen.
In seinem jährlichen Aktionärsbrief stellte Dimon fest, dass im Markt für Private Credit zwei große strukturelle Probleme bestehen: die Aufweichung der Kreditgenehmigungsstandards und eine unzureichende Transparenz bei der Bewertung. Daten von Fitch Ratings zeigen, dass die Ausfallquote bei US-Private-Credit bereits ein Allzeithoch von 9,2% erreicht hat – nahezu das Doppelte des Syndicated-Loan-Markts. Das macht deutlich, dass sich das Risiko bereits stärker angesammelt hat als vom Markt erwartet.
Auf Grundlage der Einschätzungen von JPMorgan Dimon und US-Notenbankchef Jerome Powell stellt der Markt für Private Credit mit einem Umfang von rund 1,8 Billionen US-Dollar derzeit „möglicherweise keine systemischen Risiken dar“. Dimon warnt jedoch zugleich, dass die gesamten Verluste nach einer Vertiefung des Kreditzyklus die Markterwartungen übersteigen werden und dass strengere regulatorische Standards den Kapitaldruck bei den entsprechenden Fonds erhöhen werden.
Die Rücknahme-Krise von Blue Owl Capital bestätigt unmittelbar den von Dimon genannten Mangel an Bewertungstransparenz: Anleger geben vorzeitig zurück, bevor die Bewertungen die Verschlechterung der Bonität ausreichend widerspiegeln, was Liquiditätsdruck erzeugt. Dieses Phänomen ist kein Einzelfall. Sechs große Institutionen, darunter Blackstone und Morgan Stanley, haben zeitgleich Auszahlungsbeschränkungen umgesetzt, was zeigt, dass der branchenweite Belastungsgrad bereits ein gewisses Ausmaß erreicht hat.